EGB Potenzialfeststellungsverfahren
Spezialisierte Kräfte des Heeres mit Erweiterter Grundbefähigung
Die Spezialisierten Kräfte des Heeres mit Erweiterter Grundbefähigung (EGB) schließen die Fähigkeitslücke zwischen regulären Fallschirmjägern und dem KSK. Das reformierte Potenzialfeststellungsverfahren bewertet nicht einzelne Tests, sondern das Gesamtbild über drei Wochen — mit OC-Begleitung, Punktesystem und gezielter Charakterbewertung.
Was ist die EGB?
Die EGB-Kräfte wurden 2007 aufgestellt und gehören zur Luftlandebrigade 1 der Division Schnelle Kräfte. Ihre Aufgaben umfassen direkte taktische Unterstützung von Spezialkräften, Geiselbefreiungsunterstützung, Jagdkampf und Panzerabwehr hinter feindlichen Linien sowie Ausbildung verbündeter Kräfte. Vier EGB-Kompanien existieren in der Bundeswehr: die 2. und 3. Kompanie des Fallschirmjägerregiments 26 (Zweibrücken) und des Fallschirmjägerregiments 31 (Seedorf).
Das bisherige Auswahlverfahren stammte von 2008 und wurde durch das Fallschirmjägerregiment 31 in Seedorf grundlegend überarbeitet. Die Sudan-Evakuierung im April 2023, bei der EGB-Fallschirmjäger eine zentrale Rolle bei der Extraktion spielten, unterstrich den Bedarf an mehr qualifiziertem Personal. Der zentrale Unterschied des neuen Potenzialfeststellungsverfahrens: Statt eines reinen Bestehen-oder-Scheitern-Tests wird das Gesamtbild der gesamten 3-Wochen-Periode bewertet.
Das Punktesystem: 70 Punkte sind das Minimum (grüner Haken), 100 Punkte die Topwertung. Schwächen in einer Disziplin können durch Stärken in einer anderen ausgeglichen werden. Kandidaten erfahren nicht, ob sie einzelne Zeitvorgaben erreicht haben — erst das Gesamtbild entscheidet. Jede Kandidatengruppe wird durchgehend von einem OC-Team (Observer and Controller) aus zwei erfahrenen EGB-Soldaten begleitet, das Verhalten, Charakter und Leistungsfähigkeit über alle drei Wochen dokumentiert. OC-Gespräch mit Feedback folgt an Tag 16.
Nach bestandenem Potenzialfeststellungsverfahren folgt die rund 12-monatige Pipeline-Ausbildung, größtenteils am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen (AusbZSpezlOp) in Pfullendorf. Erst nach Abschluss aller fünf Pflichtmodule erhält ein Soldat das EGB-Sonderabzeichen.

Spezialisierte Kräfte des Heeres (EGB): Fallschirmjäger-Elite mit erweiterter Grundbefähigung
Standorte
Seedorf (FschJgRgt 31)
Das Fallschirmjägerregiment 31 in Seedorf (Niedersachsen) beherbergt zwei EGB-Kompanien (2. und 3. Kompanie). Das Regiment hat das reformierte Potenzialfeststellungsverfahren entwickelt und erprobt.
Zweibrücken (FschJgRgt 26)
Das Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) stellt ebenfalls zwei EGB-Kompanien (2. und 3. Kompanie). Beide Regimenter gehören zur Luftlandebrigade 1.
Pfullendorf (AusbZSpezlOp)
Das Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in der Staufer-Kaserne Pfullendorf ist der Hauptausbildungsstandort für die Pipeline. Hier finden Nahkampf, Schießtechnik, Gefechtsdrillschießen, SERE und CFR-B statt.
Anforderungen & Voraussetzungen
- Aktiver Soldat der Bundeswehr
- Abgeschlossene AGA und SGA (Allgemeine und Spezielle Grundausbildung)
- Sprungtauglichkeit (Fallschirmspringer-Tauglichkeit / ärztliche Freigabe vor Bewerbung)
- Erfahrung im Truppendienst
- Uneingeschränkte Diensttauglichkeit für jedes Einsatzgebiet
- Sicherheitsüberprüfung durch den MAD (Militärischer Abschirmdienst)
- Keine Höhenangst (Ausschlusskriterium)
- Überdurchschnittliche körperliche Fitness und psychische Belastbarkeit
EGB EAV: Prüfungsbestandteile
Ablauf des EGB Auswahlverfahrens im Detail
Phase 1: Vorbereitungs- und Einweisungsphase (2 Wochen)
Die ersten zwei Wochen dienen der Vorbereitung und Einweisung. Körperliche Fitness wird vorausgesetzt und nicht gezielt trainiert. Jede Kandidatengruppe erhält ein OC-Team aus zwei erfahrenen EGB-Soldaten, das die Bewerber durchgehend begleitet — erste Eindrücke werden bereits hier gebildet, nicht erst in der Prüfungswoche.
Phase 2: Prüfungswoche (5 Tage) mit Punktesystem
Die eigentliche Auswahlwoche: 70 Punkte = Minimum, 100 Punkte = Top. Schwächen in einer Disziplin können durch Stärken ausgeglichen werden. Tag 3 ist der härteste: kein Essen, Wecken vor 04:00 Uhr, maximale Einzelbelastung ohne Erholungsphasen. Kandidaten erfahren nicht, ob sie einzelne Zeitvorgaben erfüllt haben — das Gesamtbild entscheidet.
Häufigste Rauswurf-Punkte
① Seilstation an Tag 18 — häufigster Einzelrauswurf. ② Gepäckkontrolle: verbotene Gegenstände (Ibuprofen, Getränke, private Verpflegung). ③ Überlastungsverletzungen in der Vorbereitungsphase. ④ Kognitive Tests unter Schlafentzug (Isolationsphase). ⑤ GSV-Zurückhaltung: junge Dienstgrade, die sich nicht einbringen, fallen beim OC-Team auf.
Pipeline-Ausbildung: Nahkampf EGB (2 Wochen)
Erstes Pflichtmodul der 12-monatigen Pipeline. Zwei Wochen Nahkampfausbildung in verschiedenen Techniken zur Selbstverteidigung und Festnahme von Zielpersonen ohne Schusswaffen. Training am AusbZSpezlOp Pfullendorf.
Pipeline-Ausbildung: Schießtechnik & Gefechtsdrillschießen EGB
Schießausbildung auf Spezialkräfte-Niveau: Kandidaten lernen, in Winkeln von nur 5 Grad an Kameraden vorbeizuschießen — dieses Niveau gibt es in der Bundeswehr sonst nur beim KSK. Aufbauend folgen taktische Scharfschießübungen unter Bewegung und in realistischen Gefechtsszenarien.
Pipeline-Ausbildung: SERE Level C (inkl. RtoI)
Survival, Evasion, Resistance and Extraction — inkl. Resistance to Interrogation (Widerstand gegen Verhör). Gilt als eine der physisch und psychisch forderndsten Ausbildungsphasen und geht an die Grenzen des im Training Möglichen.
Pipeline-Ausbildung: Combat First Responder Bravo (CFR-B)
Erweiterte medizinische Ausbildung: intravenöse Zugänge legen, Tourniquets anlegen, schwere Blutungen mit Spezialtechniken versorgen. Im EGB-Einsatz ist der nächste Arzt oft weit entfernt — jeder EGB-Soldat ist gleichzeitig taktischer Sanitäter.

Das EGB-Sonderabzeichen — nach erfolgreich abgeschlossener 12-monatiger Pipeline-Ausbildung verliehen
Ausbildung nach bestandenem EAV
Nach bestandenem Potenzialfeststellungsverfahren beginnt die rund 12-monatige Pipeline-Ausbildung mit fünf Pflichtmodulen: Nahkampf EGB, Schießtechnik EGB, Gefechtsdrillschießen EGB, SERE Level C (inkl. Resistance to Interrogation) und Combat First Responder Bravo. Typische Vorbereitungsfehler: zu früh mit Plattenträger trainieren (Überlastungsverletzungen), Grundlagenausdauer nicht kugelsicher aufbauen, kognitive Vorbereitung für Isolationsphase und Hallenparcours weglassen. Erst nach Abschluss aller Pflichtmodule erhält ein Soldat das EGB-Sonderabzeichen.
Besoldung & Vergütung
Während der Pipeline-Ausbildung erhalten Kandidaten eine EGB-Zulage von 250 Euro monatlich. Nach erfolgreichem Abschluss der Pipeline steigt die Zulage auf 500 Euro monatlich. Hinzu kommen die reguläre Besoldung nach Bundesbesoldungsgesetz, Fallschirmspringerzulage und ggf. Auslandsverwendungszuschlag.
EGB Vorbereitung: Tipps
- →Grundlagenausdauer 1 kugelsicher machen: Der 7000m Gepäcklauf (Ziel: deutlich unter 52 Min) ist die wichtigste Disziplin — zunächst ohne Last aufbauen, Plattenträger erst nach solidem Ausdauer-Fundament einsetzen
- →Nicht zu früh mit Weste/Gepäck trainieren: Überlastungsverletzungen in der Vorbereitungsphase sind der häufigste Rauswurfgrund vor dem PFV
- →Seiltechnik nicht unterschätzen: Die Seilstation ist der häufigste Einzelrauswurf in der scharfen Woche — regelmäßig üben, besonders unter Erschöpfung
- →Kognitive Tests unter Belastung trainieren: Rechenaufgaben und Merkaufgaben direkt nach intensiven Einheiten — Isolationsphase und Hallenparcours fordern das gezielt
- →Kleiderschwimmen: 200m in Uniform (Ziel: unter 5:30), danach Kleidung im Wasser ausziehen — unbedingt mehrfach vor dem PFV simulieren
- →GSV-Vorbereitung: Gruppenführung, Initiative und Kommunikation unter Erschöpfung aktiv trainieren — Zurückhaltung beim GSV wird vom OC direkt negativ bewertet
- →10km Eilmarsch (Plattenträger + Daypack): Ziel deutlich unter 75 Min — zuerst Lauftempo ohne Last, dann Last progressiv erhöhen
- →Ernährungstagebuch führen und Schlafentzug gezielt simulieren: Wer die Isolationsphase noch nie erlebt hat, wird von ihr überrascht
Häufig gestellte Fragen zum EGB Auswahlverfahren
Was ist der Unterschied zwischen EGB und KSK?
Die EGB-Kräfte schließen die Fähigkeitslücke zwischen regulären Fallschirmjägern und dem KSK. Sie unterstützen das KSK direkt bei Operationen, führen aber auch eigenständige Aufgaben wie Jagdkampf und Panzerabwehr hinter feindlichen Linien durch. Die Pipeline dauert 12 Monate (KSK: rund 2 Jahre). EGB-Bewerber müssen vor dem PFV bereits sprungtauglich sein — beim KSK ist die Fallschirmausbildung Teil der Pipeline.
Wie funktioniert das Punktesystem im EGB PFV?
70 Punkte sind das Minimum (grüner Haken), 100 Punkte die Topwertung. Schwächen in einer Disziplin können durch Stärken in einer anderen ausgeglichen werden. Kandidaten erfahren nicht, ob sie einzelne Zeitvorgaben erreicht haben — erst das Gesamtbild der gesamten Woche entscheidet. Die Gesamtwertung aus allen Disziplin-Punkten, kombiniert mit dem OC-Urteil, bestimmt das Bestehen.
Welche Testwerte muss ich beim EGB PFV schaffen?
Mindestwerte (70 Punkte): 7000m Gepäcklauf ≤ 52:00 Min mit 20 kg, 200m Kleiderschwimmen ≤ 8:00 Min, Einzelhindernisbahn ≤ 2:15 Min, 10km Eilmarsch ≤ 75:00 Min. Topwertung (100 Punkte): 7000m ≤ 40:00 Min, Schwimmen ≤ 5:00 Min, Eilmarsch ≤ 60:00 Min. Dazu kommen nicht öffentlich normierte Stationen: Isolationsphase, Hallenparcours, Combat-Mindset-Gasse, Recce Run und der 70km Durchschlagemarch.
Was hat sich beim EGB PFV durch die Reform von 2023 geändert?
Das alte Verfahren von 2008 wurde grundlegend überarbeitet. Kernunterschied: Nicht ein einzelner Test entscheidet, sondern das Gesamtbild der 3-Wochen-Periode. OC-Teams begleiten Kandidaten durchgehend — erste Eindrücke entstehen bereits in den Vorbereitungswochen. Neue Stationen wie Isolationsphase, Combat-Mindset-Gasse und Recce Run testen mentale und kognitive Belastbarkeit gezielt. Die Bestehensquote stieg im reformierten Verfahren auf ca. 81% (in dokumentierten Durchgängen).
Was ist die Isolationsphase im EGB PFV?
Eine der kritischsten Stationen: Kandidaten werden unter Musik-Beschallung gehalten und haben nur 2–3 Stunden Schlaf. Direkt danach folgen Konzentrationstests, Merkaufgaben und der Hallenparcours mit Rechenaufgaben pro Station sowie Puzzle- und Seilstation. Diese Kombination aus Schlafentzug und kognitiver Belastung ist das, was die wenigsten Bewerber systematisch trainieren.
Warum scheiden viele Bewerber trotz guter Fitness aus?
Weil das PFV nicht hauptsächlich ein Sporttest ist. Wer fit ist, übersteht die physische Phase. Danach beginnt das eigentliche Sieben: Isolationsphase mit Schlafentzug, Recce Run (Merkleistung unter Belastung), Hallenparcours mit Rechenaufgaben. Die Seilstation an Tag 18 ist der häufigste Einzelrauswurf. GSV-Zurückhaltung — junges Dienstgrad, das sich nicht einbringt — ist ebenfalls ein klassischer Rauswurfgrund. Fitness ist die Eintrittskarte. Sie ist kein Garant.
Wann sollte ich mit der Vorbereitung beginnen?
Mindestens 9–12 Monate vor dem PFV. Typische Fehler: zu früh Plattenträger einsetzen (Überlastungsverletzungen), Grundlagenausdauer nicht kugelsicher aufbauen, kognitive Vorbereitung für Isolationsphase und Parcours weglassen. Wer mit einem 7000m-Wert deutlich über 52 Minuten startet, braucht einen strukturierten Aufbau ohne Last — unkontrolliertes Hochtraining ist der häufigste Verletzungsgrund.
Wie hoch ist die Bestehensquote beim EGB PFV?
Im reformierten Verfahren bestanden in einem dokumentierten Durchgang 96 von 118 Kandidaten (ca. 81%), da das neue System auf Potenzialerkennung statt Aussieben ausgelegt ist. Die eigentliche Selektion erfolgt dann während der 12-monatigen Pipeline-Ausbildung.
Was ist Tag 3 im EGB PFV?
Tag 3 ist der härteste Tag der Prüfungswoche: kein Essen, Wecken vor 04:00 Uhr, maximale Einzelbelastung ohne Erholungsphasen. Hier zeigt sich, wer unter extremer Erschöpfung noch funktionsfähig bleibt. OC-Teams beobachten das Verhalten unter diesem Druck besonders genau.
Können sich auch Frauen für die EGB bewerben?
Ja. Die erste Fallschirmjägerin des FschJgRgt 31 in Seedorf hat die vollständige EGB-Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und das EGB-Abzeichen erhalten. Es gelten dieselben Anforderungen und Normwerte für alle Bewerber.
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